Interview

1. Was machen Sie da?

Mewing: Zeichnen.

Pieczonka: Malen.

Staudacher: Sitzen.

2. Warum machen Sie das?

Pieczonka: Habe es eigentlich schon immer gemacht.

Mewing: Ich fühl mich sonst nicht gut.

(Staudacher schweigt und verdreht die Augen…)

3. Welche Voraussetzungen brauchen Sie,

um mit der Arbeit beginnen zu können?

Pieczonka: Zeit.

Mewing: Schlaf.

Staudacher: Unordnung ohne schlechtes Gewissen.

4. Was ist das meist unterschätzte Material?

Mewing: Konzepte.

Staudacher: Kaugummi.

(murmelt irgendwas von Giacometti.)

Pieczonka: Malerei auf Leinwand!

Mewing: Hä?

Pieczonka: Wohl!

Staudacher: ich sag nur 142,4 Mille für Francis.

Pieczonka: Hä?

Mewing: Hä? Ach so unterschätzt!

5. Wie ordnen Sie sich in den kontemporären Kontext ein?

Pieczonka: Mühelos.

Staudacher: Ich leb ja jetzt.

Mewing: (zieht einen Zettel aus der Hosentasche,

den ihr Staudacher vorher zugesteckt hat und liest vor.)

Ich entwerfe subjektive Konstruktionen, innnerhalb derer ich den

narrativen Gehalt von banalen Alltagssituationen, persönlichen

Erinnerungen und für mich existentiellen Fragestellungen untersuche.

6. Hat Ihre Arbeit einen historischen Hintergrund?

Pieczonka: … meine eigene Geschichte… meine Arbeiten beschäftigen sich mit Orten, die ich gesehen habe. Gleichzeitig versuche ich aber, Bilder zu malen, die ich noch nie gesehen habe.

Mewing: Ich denke im Moment über die Nachkriegszeit nach. Dabei geht es mir um die Frauengeneration… Mütter und Grossmütter. Und um Wut.

Staudacher: Ja, bestimmt. Die letzten 3 Sekunden sind ja auch schon

wieder längst Geschichte.

7. Was war die größte Entfernung von der Erdoberfläche, in der Sie jemals gearbeitet haben?

Pieczonka: Äh, wir arbeiten zur Zeit im… dritten Obergeschoss.

Staudacher: Unsere hochexplosive Venus Austellung läuft noch bis

September, ähh, ja…

(Mewing schaut irritiert auf ihre Fingernägel.)

7a. Und haben Sie niemals befürchtet,

von dort oben nicht mehr zurückzukehren?

Pieconka: … nein…

8. Werden Sie Ihre Arbeit irgendwann abschließen können?

Pieczonka: Um Gottes willen.

Mewing: Eher nicht.

Staudacher: Ich hoffe es bei jeder einzelnen Arbeit.

9. Welche Fragen beschäftigen Sie zur Zeit in Zusammenhang mit Ihrer Arbeit?

Pieczonka: Eigentllich immer die gleichen, bloß die Antworten ändern sich… Warum brauche ich so lange, um mit der Arbeit anzufangen?

Warum brauche ich so lange, um mit der Arbeit aufzuhören? Wieviel Gegenständlichkeit brauche oder will ich? Wann ist eine Arbeit fertig?

Mewing: Naja, wie schon eben gesagt. Frauen aus der Nachkriegszeit. Aus der Generation bin ich ja entstanden.

Staudacher: Wie kann ich mechanische Abläufe für mich nutzen, was machen sie für Geräusche? Ablenkung, Aufmerksamkeit; Zyklen.

Was werden wir in 10 Jahren essen? Was macht Kylie Jenner mit ihren Augenbrauen?

10. Was hat es mit dem Titel »a room of one‘s own« auf sich?

Pieczonka: Der Titel stammt von einem Essay von Virginia Woolf aus dem Jahr 1929. Sie wurde aufgefordert, einen Vortrag über Frauen und Literatur zu halten und kam zu dem Schluss, dass Frauen kaum existent waren in der Geschichte der Literatur, aber ebenso in der Kunst oder Musik, und sie fragt sich in dem Text, woran es liegen kann. Sie schreibt über eine fiktive Schwester von Shakespeare und stellt sich vor, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie dieselbe Begabung besessen hätte – und sie kommt zu einem ernüchternden Schluss…

Mewing: Es hat sich ja gar nicht viel geändert. Ob man jetzt im Kunstbetrieb schaut, oder auch anderswo. Frauen sind nach wie vor in den interessanten Positionen unterrepräsentiert, verdienen weniger Geld, werden weniger beachtet. Bibiana Steinhaus darf als einzige Frau seit dieser Saison die höchste Liga im (Männer-)Fussball schiedsrichten. Eine einzige Frau! Und das erst seit dieser Saison! Das ist echt schwierig.

Dass es Frauen und auch Männer gibt, für die das Wort Feminismus eine Abwertung/Beleidigung ist, macht es auch nicht gerade besser.

Pieczonka: Virginia Woolf fordert in diesem Text grundlegende Voraussetzungen für Frauen, um Literatur, oder Kunst ganz allgemein, schaffen zu können: ein eigenes Zimmer, also sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne, also einen eigenen Raum zum Arbeiten und geistige Unabhängigkeit. Und finanzielle Absicherung, eine Art von Grundeinkommen gewissermaßen, als Voraussetzung dafür, sich einigermaßen unbeschwert der Arbeit widmen zu könne, ohne von materiellen Sorgen geplagt zu werden. Und diese Forderungen sind immer noch top-aktuell!

Staudacher: Es ist sehr verrückt darüber nachzudenken wie sehr wir

geprägt sind von den Namen sämtlicher Herren die es zu Ruhm und Ehre gebracht haben und die zu unseren Leitbildern erkoren sind. Die Unmöglichkeit dessen, dass an deren Stelle die Namen von Frauen auftauchen, die zur selben Zeit ähnlich begabt waren, ist schon ein reichlich gruseliger Zustand.

Pieczonka: Wie es Virginia Woolf beschrieben hat: Die Frau hat jahrhundertelang als Lupe gedient, welche die magische und köstliche Fähigkeit besaß, den Mann doppelt so groß zu zeigen, wie er von Natur aus ist.

11. Sind Sie jetzt Feministinnen?

Mewing: Logisch.

Pieczonka: Was sonst?

(Staudacher macht den Surfergruss)

12. Sie verwenden als Ausstellungstitel ja immer Zitate, aus der Literatur hauptsächlich, aus der Politik aber auch – wie kommen Sie auf diese Titel?

Pieczonka: Hm. Wir lesen alle sehr viel, reden oft über Filme, Literatur, Serien… über Kunst sowieso, aber auch das aktuelle Tagesgeschehen…manchmal ist es ein abgewandeltes Zitat, weil dadurch ein gewisser Humor oder eine spezielle Düsternis oder eine Mehrdeutigkeit ins Spiel kommt… wir reden einfach auch viel und dann geht es so hin und her, und jede hat so ihre Gedankenund dann kommt so eins zum anderen, da hat man einfach oft die besten Ideen, wenn man so lange über alles redet, was einen begeistert und interessiert, irgendwann fühlt man sich dann ganz schwurbelig im Kopf und plötzlich ist dann eine Idee da, die zu uns passt… das ist wirklich schwer zu beschreiben!

13. Genau. Bei einer früheren gemeinsamen Ausstellung haben Sie sich mit dem Gedicht »Mad girl’s Love Song« von Slvia Plath beschäftigt. Welchen Bezug hatte das zu Ihrer Arbeit?

Staudacher: Mich fasziniert, wie Sylvia Plath es schafft, existentielle 
Zustände so zu beschreiben, dass auch ich, als Leser des Gedichts, diese zwiespältigen Empfindungen habe. Ich kann Gut und Böse, Täter oder Opfer sein, Zerstörer, Wiederhersteller. Diese Gegensätzlichkeit gibt es auch in unseren Arbeiten – dieses Hin und Her aus Schönheit und Hässlichkeit, ganz und kaputt. Mewing z.B. zerlegt mit feinem Strich Körper, um sie dann nach eigener Vorstellung, vielleicht noch mit unerwarteten Eigenschaften versehen, wieder zusammen zu setzen. Pieczonkas Bilder zeigen Momente der Erinnerung an erlebte Situationen. Die Malerei ist bruchstückhaft und doch eine eigene Einheit. Teils Baustelle, teils Paradies. Und ich z.B. mag es, Widersprüchliches – seien es Materialien oder Inhalte – zu verbinden.

Mewing: Der Solipsismus. Für einen Moment alle Freiheit zu haben und das Einordnen und Hinterfragen auf Später zu schieben bereitet mir großes Vergnügen.

Pieczonka: Das Gefühl, dass die ganze Welt im Grunde für mich und von mir gemacht wurde und aufhört, zu existieren, sobald ich aufhöre, sie zu beachten. Dadurch fühlt man sich einerseits sehr mächtig, und andererseits auch mal einsam. Ich glaube, dass diese beiden, sich gegenseitig bedingenden Eigenschaften viel mit dem Dasein als Künstler zu tun haben und sowohl sehr viel Freude bereithalten – man hat ja schließlich immer etwas zu tun, wenn man irgendwelche Welten erschafft und wird sich niemals langweilen – und andererseits aber auch ein Gefühl von großer Distanz zur Welt, die einen umgibt, verursachen kann.

14. Warum stellen Sie zusammen aus?

Pieczonka: Ja, das ist eine Frage, die oft gestellt wird… man würde dann gerne sagen, wir hätten uns beim Transgender-Tischtennis in Afghanistan kennengelernt….oder wenigstens bei der Shanghai Biennale oder so. Letztlich ist die Antwort wahscheinlich eher uncool – wir sind schon lange befreundet. Wir können gut miteinander über unsere Arbeit sprechen. Wir verstehen uns. Wir fahren keine bösen Ellenbogen aus. Wir haben einen ähnlichen Humor. Das klingt alles banal, ist aber letztlich doch das wichtigste für gemeinsames Arbeiten.

Mewing: Es ist für mich jedesmal eine grosse Freude zu sehen, dass unsere Arbeiten/Kosmen so gut zueinanderpassen. Wir kommen in einen Raum, es scheint erst einmal alles schwierig und nach und nach entwickelt sich eine gemeinsame Ausstellung daraus. Ich finde das grossartig.

Staudacher: wir haben ja schon einige Male zusammen ausgestellt und es ist toll zu sehen wie sich die Arbeit des Einzelnen verändert und im Kontext mit den Arbeiten der anderen eine ganz andere Form annehmen kann… oh je… Es ist so laut in meinem Kopf, ich kann es nicht ausschalten. Marina arbeitet mit mir daran.

Mewing und Pieczonka: Hä?

Staudacher: Lady Gaga im Gespräch über Marina Abramovic.

Pieczonka: Wir arbeiten alle drei suchend, überarbeitend, ausprobierend – und allerhand Fehlversuche, Anfänge, Skizzen sind auch später noch in der fertigen Arbeit enthalten und teilweise sichtbar. Und ein gewisser Humor oder eine Art von ironischer Distanz.

Mewing: In der Arbeitsweise sind wir ähnlich. Etwas beginnen, sich

währenddessen damit auseinandersetzen, hinzufügen, wegnehmen,

verwerfen, übermalen, bis das Kunstwerk am Ende fertig ist.

Staudacher: Siehe oben.

Mewing: Äh. Genau.

15. Wie würden Sie Ihre Arbeitsweise beschreiben?

Mewing: Ich habe viele alte Fotos aus dem letzten Jahrhundert. Familienalben meiner Familie oder von Freunden. – Oder welche, die ich ertrödelt habe. Damit mache ich viel, bzw. sind sie oft der Anlass für eine Zeichnung. Beim Zeichnen die Balance zwischen Dilettantismus und Könnerschaft von humoresker Parodie und tragischem Pathos zu finden ist beglückend.

Pieczonka: Im Malprozess versuche ich immer wieder, mich selbst zu überraschen oder zu überrumpeln. Das Ergebnis ist lange Zeit offen. Ich male erst einmal drauflos, dann reagiere ich auf das Gemalte. Das Bild begreife ich als ein Gegenüber, welches durchaus einen eigenen Willen hat, der dann mit meinem Willen konfrontiert wird. Daraus ergibt sich eine Art Dialog. Und letztlich versuche ich, Bilder zu malen, die neu sind für mich.

Staudacher: (grinst)

Ich entwerfe subjektive Konstruktionen, innnerhalb derer ich den narrativen Gehalt von banalen Alltagssituationen, persönlichen Erinnerungen und für mich existentiellen Fragestellungen untersuche.

Mewing: Hahaha! Ich auch!

Pieczonka: Und ich erst.

16. Sie stellen ja schon länger zusammen aus. Hat das Ihre jeweils eigene Arbeit beeinflusst?

Mewing: Auf jeden Fall. Zum Beispiel habe ich begonnen dreidimensionale Sachen zu machen, seit ich so oft Arbeiten von Staudacher sehe. Mein Gefühl für Raum verändert sich. Seit unsere Ausstellung in Osterholz bin ich von diesen kinetischen Objekten fasziniert. Es wäre schön, wenn sich vielleicht sowas wie das kleine rosa gehäkelte Objekt regen könnte und bestenfalls von Zeit zu Zeit knurren.

Pieczonkas Arbeiten schüchtern mich manchmal etwas ein. Bis ich dann einen kleinen Witz finde, eine Laterne, einen Brunnen, den ich kenne oder irgendwas, wodurch ich den Einstieg finde. Mein Hirn ist leider sehr narrativ.

Staudacher: Ohne mit anderen Künstlern im Gespräch zu sein, bescheisst man sich ja so über einiges hinweg. Also ich zumindest. Das kann zeitweise von Vorteil sein und , wer weiss vielleicht würde ich es auf der einsamen Insel auch selber merken aber Tatsache ist , einsame Insel weit entfernt und Gedanken der Damen von zermürbend bis höchst inspirierend!

17. Warum Häkeln?

Mewing: Das hat sich eher zufällig ergeben, weil ich für ein paar Wochen keinen Raum hatte, den ich hinter mir zumachen konnte. Deshalb finde ich diesen Titel gerade auch so toll!

Häkeln, jedenfalls bis zu einem bestimmten Ausmaß, geht fast überall. Häkeln, obwohl ich dicke Wolle -doppelt genommen- und eine dicke 
Nadel genommen habe, geht langsam. Ich denke seitdem viel an meine Großmütter und worin sie ihre Aufgaben im Leben gesehen haben. Was für Erwartungen sie hatten. Ich kann das nicht gut ausdrücken. Ein Bild ist lautes, wütendes Klappern mit Eimern und Staubsaugern beim Hausputzen. Türenknallen und so zu tun, als wäre es ein Versehen. Ich glaube, mir geht es um diese Ohnmacht und Wut. Und die Trauer darüber, dass keine der Beiden gesagt hat »scheiss doch auf diese Topflappen, ich mache jetzt, was ich will und gehe tanzen / reisen / knutschen« —— naja, oder so ähnlich. Irgendwas daran berührt mich.

Das Häkeln sieht genauso aus, wie meine Zeichnungen. Vielleicht ist es egal, welches Material man nimmt. Ich könnte das vielleicht auch backen oder so.

Staudacher: Weil sies kann!

Mewing: Genau!

Pieczonka: Und es ist ansteckend…und auch toll, so ein altes, weiblich konnotiertes handwerk ein wenig ad absurdum zu führen und damit andere, überhaupt gar nicht nützliche Dinge herzustellen.

Mewing: Ich bin nicht die einzige, die hier häkelt!

18. Wie fühlen Sie sich nach dem märchenhaften Mega-Erfolg auf dem Kreuzfahrtschiff?

Mewing und Pieczonka: Bitte?

Staudacher: Gut! Nach einigen tausend Klicks wurde mir klar, dass meine Arbeit ankommt.